PODIGEE COVERS (3)

„Wenn Demokratie ein Muskel ist, ist Ehrenamt der Klimmzug“, mit Lehrer des Jahres Julian Lee

Gast dieser Folge ist Julien Lee, Lehrer am Gymnasium Allermöhe in Hamburg und Träger des Deutschen Lehrkräftepreises 2025. Vorgeschlagen haben ihn seine eigenen ehemaligen Schülerinnen und Schüler. Ich habe Julien eingeladen, weil kaum ein Ort gesellschaftlich so sehr für Zukunft steht wie die Schule, Kinder und Jugendliche in dieser Zeit jedoch auch vor großen Herausforderungen stehen. Julien schafft es offensichtlich, seine Schüler:innen zu erreichen. Wie macht er das?

Hoffnung, sagt Julien, ist das, was ihm Antrieb gibt. Wenn gerade alles schwierig ist, schaut er dahin, wo es hingehen könnte, und meistens positiv. Gerade im Schulkontext, wo so Vieles (teilweise ja auch zurecht) kritisiert wird, lohnt es sich, auf das zu schauen, was funktioniert und was möglich wird, wenn man die richtigen Weichen stellt.

Julien sieht sich als Lernbegleiter, fachlich, emotional und sozial. Für ihn steht immer der Mensch im Vordergrund. Legt jemand ein schwieriges oder vermeintlich störendes Verhalten an den Tag, versteht Julien dies als Meldung eines emotionalen Bedürfnisses. Wenn jemand müde ist, darf er dann auch mal kurz schlafen. Danach wird darüber gesprochen, was dahinter steckt und was getan werden kann, um Unterricht in Zukunft anders zu ermöglichen. Denn wenn Schüler nicht wollen oder können, geht das Wissen ohnehin nicht in ihre Köpfe.

Juliens eigener Weg war nicht gerade. Er erzählt offen, dass er in seiner eigenen Schulzeit nicht einfach war – und dass seine damalige Schulleitung einmal zu ihm sagte, aus ihm werde eh nichts werden. Geholfen haben ihm Lehrkräfte, die den Menschen in ihm gesehen haben. Allen voran sein Musiklehrer, der ihn dazu brachte, eine Band zu gründen, und ihm damit ermöglichte, seinen Wert jenseits von Leistung zu erfahren.

Ein weiterer Wendepunkt war das Ehrenamt. Über die Musik kam Julien zum Clubkinder e.V., einem gemeinnützigen Verein in Hamburg. Dort „rutschte“ er fast unbemerkt ins Ehrenamt hinein. Die Erfahrung, gebraucht und geschätzt zu werden, hat ihn beeindruckt. 2018 gründete er mit anderen das Sonnenscheincafé – ein Café für wohnungslose Menschen, das auch Familien, Studierende und Ehrenamtlichen gleichermaßen Raum gab. Auch dort erfuhr Julien wieder Zugehörig- und Sinnhaftigkeit.

Dieses Gefühl wollte er in die Schule tragen, um auch Schülern Selbstwirksamkeit und echte Partizipation zu ermöglichen. Tatsächlich entstand aus der Idee einer Schülerin, Lisa Popal, ein Projekt für Obdachlose. Gemeinsam mit Betroffenen entwickelten sie einen ausklappbaren Bollerwagen, auf dem man schlafen kann, der Wertsachen verschließbar macht und mobil ist. Dreißig Stück wurden gebaut, bemalt von Schulklassen, Künstlerinnen und Behindertenwerkstätten, und über Hamburger Partnerorganisationen verteilt. Wieder ein Schritt vom Ich zum Wir.

Aus diesem Projekt entstand die Idee der Clubkinder Schulen: ein Programm, das Schülerinnen und Schüler niedrigschwellig mit Ehrenamtsstellen in ihrem Bezirk vernetzt, Begleitung bietet und auch denen den Zugang öffnet, die ihn nicht automatisch haben – zum Beispiel Jugendliche mit Migrationshintergrund, die noch kein Netzwerk haben. Denn Ehrenamt, sagt Julien, darf kein Elitenhobby sein. Es ist, wie er es nennt, das Bench Press der Demokratiebildung: Wer sich ehrenamtlich engagiert, erlebt am eigenen Leib, wofür Demokratie da ist und warum man sie braucht. Demokratie muss erlebbar sein, und zwar schon in der Schule. Wer nie das Gefühl hatte, etwas bewegen zu können, wird sich auch später nicht engagieren.

Auf meine Abschlussfrage, welchen Rat er seinem zwanzigjährigen Ich geben würde, antwortet Julien: Mach Dinge, die um ihrer selbst willen sinnvoll sind, nicht nur weil sie dir was bringen. Und: Du musst nichts leisten, um etwas Wert zu sein. Du bist gut genug.

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